Harzer Sage · Thale
Brunhilde und die Roßtrappe
Wie eine Prinzessin mit ihrem Pferd über das ganze Bodetal sprang.
Teil 1
Die Sage, wie sie überliefert ist
Nach Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Nr. 318
Vor mehr als tausend Jahren lebten rund um den Harz Riesen, die raubten und kämpften. Im Böhmerwald hauste damals der Riese Bodo. Alles war ihm untertan, nur Emma nicht, die Königstochter vom Riesengebirge. Heute nennt man sie Brunhilde. Bodo konnte sie nicht für sich gewinnen, denn sie stand mit einem mächtigen Geist im Bund.
Einmal sah Bodo sie auf der Schneekoppe jagen und ritt ihr nach. Fast hatte er sie erreicht, als Emma ihn am Stadttor auf seinem Schild erkannte. Sie wendete ihr Pferd und floh über Berge, Klippen und Wälder, durch Thüringen bis in den Harz. Oft hörte sie hinter sich Bodos Pferd schnauben.
Endlich stand ihr Pferd auf einem Felsen, der Teufels Tanzplatz heißt. Mehr als tausend Fuß ging es senkrecht hinab, tief unten kreiste der Fluss in Wirbeln. Der Fels gegenüber schien kaum Platz für einen Vorderhuf zu haben. Da rief Emma die Geister ihrer Väter zu Hilfe und gab ihrem Pferd die Sporen.
Das Pferd sprang über den Abgrund und schlug seinen Huf vier Fuß tief in den Stein. Das ist die Roßtrappe. Die Zeit hat die Spur kleiner gemacht, doch kein Regen verwischt sie ganz.
Emma war gerettet, aber beim Sprung fiel ihre zentnerschwere goldene Krone in die Tiefe. Bodo setzte blind vor Eifer nach, stürzte in den Strudel und gab dem Fluss seinen Namen, die Bode. Als schwarzer Hund bewacht er dort die Krone der Riesentochter, damit kein Geldgieriger sie heraufholt. Ein Taucher brachte sie einmal fast nach oben, doch zweimal glitt sie ihm aus den Händen. Beim dritten Mal kam er nicht wieder herauf. Um Mitternacht hört man oft von fern das dumpfe Heulen des Hundes.
In einer anderen Fassung tanzt die Königstochter vor dem Sprung noch einmal; davon soll der Fels Tanzplatz heißen.
Teil 2
Unsere Kurzgeschichte
Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage
Die Morgendämmerung war grau und kalt, als Brunhilde auf einem Felsen im Harz aus dem Sattel glitt. Die ganze Nacht war sie vor dem Riesen Bodo aus dem Böhmerwald geflohen, auf Trappel, ihrem großen Hengst, weiß mit grauen Tupfen. Bodo trug eine viel zu kleine goldene Krone. Er wollte Brunhildes große Krone und Brunhilde dazu, als Königin in seinem Turm ohne Tür. „Wenn morgen die Sonne aufgeht, sitzt du in Bodos Turm“, hatte er leise gesagt. Doch Brunhilde wollte ihren Weg selbst aussuchen.
Jetzt wurde der Himmel hell, und hier hörte ihr Weg auf. Die Wand fiel senkrecht ab, unten drehte sich ein Fluss in dunklen Strudeln, und hinter ihnen polterten Bodos Schritte.
„Rauf, jederzeit“, flüsterte Trappel, und seine Beine wurden steif. „Runter, niemals.“
Brunhilde tanzte mit ihm seinen Siegertanz, schon vor dem Sieg, bis seine Beine locker waren. Dann rief sie die Geister ihrer Väter, und der Wind aus der Schlucht flüsterte: „Du bist nicht allein.“
Trappel sprang. Bodos Hand griff nach Brunhildes Zopf und fasste ins Leere, die schwere Krone fiel in die Tiefe, und drüben schlug Trappels Huf in den Stein. Genau da ging die Sonne auf.
„Aber rüber“, keuchte Trappel, „rüber kann ich!“
Bodo sah nur noch das Gold und sprang ihm nach. So erzählt es die Sage: Seitdem sitzt er als zotteliger schwarzer Hund im Strudel der Bode, die kleine Krone schief auf dem Kopf und die Pfote auf der großen. Den Hufabdruck seht ihr auf der Roßtrappe bei Thale, zu der ein Sessellift hinauffährt.
Teil 3
Unsere Langgeschichte zum Anhören
Frei erzählt von HarzTraveler nach der Sage
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- Erstes Kapitel: Das Wettrennen mit der Sonne.
- Als Brunhilde aus dem Stall ritt, war es noch nicht hell. In den Senken des Riesengebirges hing der Nebel.
- Trappel war ihr großer Hengst, weiß mit grauen Tupfen. Er schnaubte zweimal, dann lief er los, den Hang hinauf, der Sonne entgegen, die noch hinter den Bergen steckte.
- Der torfige Boden gab unter seinen Hufen nach, bei jedem Tritt ein leises Schmatzen. Tau spritzte aus dem Gras an Brunhildes Stiefeln hoch, und sie spürte die Kälte des Morgens in den Fingern.
- Jeden Morgen ritten die beiden um die Wette mit der Sonne, hinauf auf die Schneekoppe, und gewonnen hatte bisher immer die Sonne.
- Brunhilde beugte sich tief über Trappels Hals und flüsterte: „Heute gewinnen wir.“ Sein Ohr drehte sich zu ihr um.
- Sie war die Tochter des Königs und die beste Reiterin im Reich, Trappel der beste Springer weit und breit. Die schwere goldene Krone musste sie sogar beim Reiten tragen, so wollte es der König.
- Über dem Kamm wurde der Himmel gelb, bei jedem Sprung hüpfte Brunhildes dicker dunkelbrauner Zopf, und die Krone rutschte ihr in die Stirn.
- Dann schob sich die Sonne über die Berge und legte ihr Licht auf den Gipfel, zwei Pferdelängen vor ihnen.
- „Sie mogelt“, schnaubte Trappel und stampfte, dass die Steinchen sprangen. „Sie steht einfach früher auf als wir.“
- Brunhilde lachte. Unter ihnen liefen Wege durch die Täler, bis in Gegenden, die sie nie gesehen hatte. Im Schloss hatten andere ihre Tage schon verplant, bevor sie aufwachte.
- Ihr Atem machte eine kleine weiße Wolke, als Brunhilde leise sagte: „Eines Tages nehmen wir einen von diesen Wegen. Einen, den wir selbst aussuchen.“
- Zuerst hörten sie ihn: ein dumpfes Poltern hinter dem Grat. Dann zitterte der Boden, bis kleine Steine den Hang hinunterhüpften. Danach rochen sie ihn.
- Es roch nach Rosen, so süß und so viel, als hätte jemand einen ganzen Garten in einem Fass eingekocht.
- Dann sahen sie ihn. Auf dem Grat blitzte ein Schild mit einem gemalten Stadttor. Brunhilde kannte das Zeichen.
- Hinter dem Schild ritt ein Riese heran, so groß, dass sein Schatten den ganzen Hang bedeckte. Sein riesiges Pferd sah vor jedem Schritt erst auf den Boden, er selbst sah nie hin.
- Auf seinem Kopf saß eine goldene Krone, viel zu klein, wie ein Eierbecher auf einem Kürbis.
- „Hohoho“, dröhnte er so laut, dass Trappel die Ohren flach an den Kopf legte, „hier kommt Bodo der Große aus dem Böhmerwald!“
- Niemand klatschte. Da klatschte Bodo eben selbst.
- „Herzlichen Glückwunsch“, rief er und strahlte Brunhildes goldene Krone an, „du hast gewonnen! Der Hauptgewinn ist Bodo der Große, dazu sein Turm im Böhmerwald.“
- Er beugte sich vor. „Der Turm hat keine Tür, damit keiner hineinkommt. Ganz oben ist ein Fenster, und drinnen hängen dreihundert Bilder von Bodo.“
- „Und dein Pferd“, sagte er, „zieht unten Bodos Steinwagen. Jeden Tag.“
- Keiner hinein, dachte Brunhilde, und keiner hinaus, für immer. Ihr wurde eng um den Hals.
- „Danke, Bodo“, sagte sie ruhig und so deutlich, dass jedes Wort für sich stand. „Ich gebe den Gewinn zurück. Meine Antwort ist Nein.“
- Bodo lächelte weiter. Aber als er wieder sprach, war seine Stimme so leise, dass am Hang kein Vogel mehr sang.
- „Bodo hat noch nie ein Nein bekommen“, sagte er. „Und Bodo bekommt immer, was er will. Wenn morgen die Sonne aufgeht, sitzt du in Bodos Turm.“
- Dann griff seine riesige Hand nach Trappels Zügel. Trappel stieg auf die Hinterbeine und wieherte, und die Hand fasste ins Leere.
- Brunhilde lenkte Trappel hinunter zum Schloss. Doch Bodo riss die nächste Fichte samt Wurzeln aus dem Hang und warf sie quer über den Weg.
- Bodo klopfte sich die Erde von den Händen und lächelte.
- Brunhilde atmete tief ein. Hinter der Fichte lag das Schloss, und über ihr auf dem Grat stand Bodo. Frei war nur noch der Weg nach Westen, ein Weg, den sie noch nie geritten war.
- Brunhilde wendete Trappel nach Westen. Es war nicht der Weg, den sie sich ausgesucht hätte. Aber es war ihrer.
- Hinter ihnen begann der Boden wieder zu zittern. Bodos Pferd wurde nie müde. Und die Sonne, die heute Morgen das Wettrennen gewonnen hatte, lief jetzt für Bodo.
- Zweites Kapitel: Das nimmermüde Pferd.
- Am Vormittag waren sie unten am Fuß der Berge, die Sonne wärmte Brunhildes Rücken, und ihre Beine wurden steif vom schnellen Reiten. Oft hörte sie hinter sich Bodos Pferd schnauben, immer gleich nah.
- Dann versperrte ihnen ein Bach den Weg. Er war so laut, dass man unter dem Wasser die Steine poltern hörte, und er roch nach Schnee. Trappel trat einen Schritt zurück.
- „Das Wasser ist mir zu dunkel“, sagte er, so schnell, dass die Wörter aneinanderstießen. „Rauf, jederzeit. Runter, niemals.“
- Brunhilde zeigte bachaufwärts, wo das Wasser weiß über die Steine sprang. „Siehst du, wie es dort sprudelt? Wo es sprudelt, ist es flach.“
- Trappel sah lange hin. Hinter ihnen begann der Boden zu zittern, und Trappel war mit dem Hinsehen ganz schnell fertig.
- An der sprudelnden Stelle biss ihm das Schneewasser in die Beine und zerrte an Brunhildes Stiefeln. Mitten im Bach rutschte ein Huf von einem glatten Stein. Es klirrte hell, und Trappels Hufeisen verschwand im Wasser.
- Da erreichte Bodo den Bach. Sein Pferd sah auf das dunkle Wasser und blieb stehen. Bodo nicht. Er stieg ab und stapfte mitten durch die tiefste Stelle, und das Schneewasser reichte ihm nur bis an die Knie.
- Mit drei Schritten war er hinter ihnen. Er beugte sich vor, so tief, dass sein Bart ins Wasser tauchte, und seine Finger streiften schon Trappels Schweif. Trappel machte einen gewaltigen Satz und stand triefend am Ufer.
- In Bodos Bart zappelte ein Fisch.
- „Hohoho“, lachte er über seinen eigenen Witz, „Morgenstund hat Fisch im Bart!“
- Am Bach drückte Bodo das Wasser aus seinem Bart. Was Brunhilde nicht wusste: Bodo kannte jeden Weg zwischen dem Böhmerwald und dem Harz, auch einen, der kürzer war als ihrer.
- „Sollen sie laufen“, sagte er leise zu seinem Pferd. „Oben am Fluss ist die Welt zu Ende.“ Dann bog er in eine Schlucht.
- Im nächsten Tal schnaufte Trappel: „Mein Eisen ist weg. Aber mein Schweif ist noch dran.“
- Brunhildes Arme waren schwer, in ihren Stiefeln schwappte Schneewasser, und zurück ging es nur an Bodo vorbei, und stehen bleiben konnten sie auch nicht.
- Da fielen ihr die Geschichten ihres Großvaters vom Harz ein, von Felsen, hinter denen man sich verstecken konnte. „Und wer gar nicht mehr weiterweiß“, hatte er immer gesagt, „der ruft die Geister seiner Väter.“
- „Wir reiten in den Harz“, sagte Brunhilde, und ihre Stimme war ganz fest.
- Den ganzen Tag ritten sie nach Westen, über Berge, Klippen und Wälder, quer durch Thüringen. Die Sonne sank schon, als Brunhilde merkte, dass sie hinter sich kein Schnauben mehr hörte.
- In der Nacht erreichten sie den Harz, es gab keinen Mond, und der Granit unter Trappels Hufen war nass und kalt. Zwischen den Felsen plätscherte eine Quelle.
- Trappel trank, und Brunhilde gab ihm die letzte Handvoll Hafer. Er fraß so glücklich, dass seine Ohren wackelten. Irgendwo rief ein Käuzchen, und die Felsen warfen den Ruf zurück.
- Für einen Augenblick sah es aus, als hätten sie gewonnen.
- Plötzlich hörte Trappel auf zu kauen. Beide Ohren drehten sich nach vorn. Zwischen den Felsen kam ein Schnauben, so tief, dass Brunhilde es im eigenen Bauch spürte. Es kam nicht von hinten. Es kam von vorn.
- Aus der Dunkelheit kam Bodos Stimme, leise und freundlich. „Guten Abend, Königstochter. Bodo war schneller.“
- Brunhilde dachte an das Käuzchen. Hier warfen die Felsen jeden Ruf von allen Seiten zurück, und niemand konnte hören, woher er kam.
- Sie legte die Hände an den Mund und rief, so laut sie konnte: „Bodo, wer ist der Größte im ganzen Harz?“
- „Bodo!“, brüllte Bodo sofort, und die Felsen riefen zurück: Bodo, Bodo, Bodo.
- Bodo strahlte in die Dunkelheit und verbeugte sich vor jedem Felsen einzeln. Da kletterte Trappel schon leise an ihm vorbei, den Hang hinauf.
- Mitten in der dritten Verbeugung hielt Bodo inne. Dann lachte er, und sein Lachen rollte durch die Felsen. „Klettert nur“, rief er ihnen nach. „Bodo hat Zeit bis Sonnenaufgang.“
- Sie kletterten die ganze Nacht, immer weiter hinauf. Dann wurde der Himmel grau, und irgendwo sang der erste Vogel.
- Vor ihnen hörte der Felsen einfach auf. Dahinter fiel eine Wand senkrecht ab, tiefer als jeder Kirchturm, und ganz unten drehte sich ein Fluss in dunklen Strudeln. Hinter ihnen lachte Bodo, und im Osten wurde der Himmel heller.
- Drittes Kapitel: Der Tanz vor dem Sprung.
- Die Morgendämmerung kam fahl und grau. Brunhilde glitt aus dem Sattel, und der Granit war so kalt, dass sie ihn durch die Sohlen spürte.
- Gegenüber ragte eine Felsspitze aus der Schlucht, oben so schmal, dass kaum ein Huf darauf Platz hatte. Zwischen den Felsen kreiste ein Rabe. Er kreiste unter ihnen.
- Trappel wollte zurückweichen, doch sein Huf ohne Eisen rutschte auf dem glatten Granit, und er blieb stocksteif stehen.
- „Raben gehören nach oben“, sagte Trappel mit einer Stimme, die gar nicht zu einem so großen Pferd passte. „Und ohne Eisen rutsche ich.“
- Unten scheute Bodos Pferd vor dem steilen Fels, also stieg Bodo zu Fuß herauf. Steine polterten, und dazwischen summte er zufrieden.
- Brunhilde sah den Turm ohne Tür vor sich und Trappel vor dem Steinwagen. Einen Augenblick lang sagte keiner etwas. Nur der Fluss rauschte. Es sah aus, als hätte Bodo gewonnen.
- „Mir ist auch mulmig“, sagte Brunhilde, und ihre Hand an seinem Hals zitterte. „Aber in Bodos Turm gehen wir nie.“
- Sie führte Trappel von der Kante weg, mitten auf den Felsen. „Tanz deinen Siegertanz.“
- „Jetzt?“, fragte Trappel. „Wir haben doch gar nicht gewonnen.“
- „Noch nicht“, sagte Brunhilde.
- Jetzt brauchen die beiden euch. Steht auf, und wer sitzen bleiben muss, tanzt mit den Händen. Zweimal stampfen für die Hufe, mit dem Po wackeln für den Schweif, den Kopf schütteln für die Mähne.
- Alle zusammen: Huf und Huf, Schweif und Mähne!
- Brunhilde tanzte mit, als wäre heute ein Festtag, Trappels Hufe klapperten auf dem Granit, und mit jedem Stampfen wurden seine Beine lockerer. Als Brunhilde ihren Zopf schwang wie einen Schweif, prustete Trappel mitten im Mähneschütteln los.
- Doch zwischen ihrem Stampfen kamen Bodos Schritte näher.
- Dann stand Bodo über ihnen auf dem Felsen, und sein Schatten fiel auf sie beide. Er lächelte.
- „Die Sonne ist gleich da“, sagte er leise. „Komm, Königstochter. Bodos Turm wartet.“ Er streckte die Hand nach Trappels Zügel aus.
- „Ihr Geister meiner Väter“, rief Brunhilde, „ich brauche euch.“
- Aus der Schlucht stieg ein Wind herauf, und in seinem Rauschen waren Stimmen, alt und ruhig.
- „Du bist nicht allein“, flüsterte der Wind.
- „Eben“, sagte Trappel, und zum ersten Mal an diesem Morgen redete er langsam. „Ich bin ja auch noch da. Halt dich an meiner Mähne fest.“
- Brunhilde saß auf. „Du entscheidest, wann wir springen.“
- Trappel lief los. Ein Sprung über den Stein, dann zwei. Bodos Hand schoss vor und griff nach Brunhildes Zopf, und seine Finger schlossen sich um Luft. Beim dritten Sprung war unter Trappels Hufen nichts mehr als Wind.
- Brunhilde sah nur auf die Felsspitze. Die schwere Krone rutschte ihr vom Kopf. Brunhilde ließ sie fallen, denn mit beiden Händen hielt sie Trappels Mähne.
- Dann schlug Trappels Huf auf die Felsspitze, und der harte Granit gab unter ihm nach wie der Torf auf der Schneekoppe.
- Genau da schob sich die Sonne über den Rand der Schlucht. Die Frist war vorbei, und Brunhilde saß nicht in Bodos Turm. Zum ersten Mal waren die beiden vor der Sonne da.
- „Rauf, jederzeit“, keuchte Trappel. „Runter, niemals. Aber rüber, rüber kann ich!“
- Als Trappel den Huf aus dem Stein zog, blieb ein tiefer Abdruck zurück. So erzählt es die Sage: Davon heißt der Felsen Roßtrappe.
- Drüben stand Bodo an der Kante, die leere Hand noch ausgestreckt. Da sah er die Krone unten im Strudel glitzern, und er sah nur noch das Gold.
- „Gold!“, rief er. „Die holt sich Bodo der Große!“
- Er sprang dem Gold nach. Den Abgrund sah er nicht.
- Unten platschte es gewaltig.
- Dann saß im Strudel ein großer, zotteliger schwarzer Hund mit Schlappohren und hechelte. Seine kleine Krone hing ihm schief auf dem Kopf, und seine Pfote lag auf der großen.
- So erzählt es die Sage: Seitdem heißt der Fluss nach ihm Bode. Und Bodo muss die große Krone bewachen, für immer, damit niemand sie heraufholt.
- „Wohin jetzt?“, fragte Trappel.
- Brunhilde nahm die Zügel und sagte: „Wohin wir wollen.“
- Trappel schnaubte zufrieden: „Dann zuerst zum Hafer.“
- Die Roßtrappe gibt es wirklich. Sie liegt bei Thale im Harz, und ein Sessellift fährt hinauf. Die Zeit hat den Abdruck kleiner gemacht, aber kein Regen wischt ihn weg. Gegenüber liegt der Hexentanzplatz mit seiner Kabinenbahn.
- Manche sagen, der Tanzplatz habe seinen Namen von Brunhildes Tanz. Tanzt dort den Siegertanz, mitten auf dem Platz und weit weg von der Kante. Und tief unten rauscht die Bode.
- Um Mitternacht, so sagt man, brummt es dort unten, tief und gemütlich. Dann erzählt sich Bodo seine Lieblingsgeschichte, die von Bodo dem Großen, und vor dem Ende schläft er jedes Mal wieder ein.
Wo ihr das heute seht
Auf dem Felsen der Roßtrappe hoch über dem Bodetal bei Thale ist der Hufabdruck bis heute im Granit zu sehen. Hinauf geht es zu Fuß oder mit dem Sessellift ab Thale. Gegenüber liegt der Hexentanzplatz, von dem Brunhilde losgesprungen sein soll.
Auf der Harzkarte zeigen etwa 18 km von Wernigerode